Archive for the ‘trugschluss’ Category

Jeder, der schon mal an einem Bahnhofskiosk ein Magazin für die Reise gekauft hat, kennt sie, die Börsenratgeber. Es gibt sie haufenweise und sie überschlagen sich mit angeblich gewinnbringenden Tipps und unfehlbaren Analysen. Was man von diesem Quatsch zu halten hat, bekommt man demonstriert, wenn man Focus Money Ausgabe 33/2012 zur Hand nimmt und sich die Titelstory etwas genauer anschaut. Unter der Überschrift “In 192 Stunden gewinnen” (Artikel steht auch online zur Verfügung) und mit markigen Versprechungen wird dort eine atemberaubend einfache Strategie gepriesen:

Den Dax und den S&P-500 deutlich abgehängt. Das gelingt nur den wenigsten Profis. Eine einfache Strategie aber schafft das locker – seit 17 Jahren…

Wow, eine einfache Strategie, mit der sich der Markt regelmäßig schlagen lässt? Das würde ja sämtliche Theorien der Finanzmärkte, denen zufolge sich der Markt eben nicht nachhaltig schlagen lässt, über den Haufen werfen. Eine Sensation! Und die Idee klingt tatsächlich im ersten Moment einfach und clever:

Nur 192 Stunden pro Jahr investieren. Das sind umgerechnet acht Tage. Und damit 250 Prozent Gewinn machen. Das geht. Mit einer Strategie, die so einfach ist, dass Sie es kaum glauben werden. Sie müssen nur exakt 24 Stunden bevor die US-Notenbank Federal Reserve ihre regelmäßigen Zinsentscheidungen bekannt gibt einen börsennotierten Aktien-Indexfonds, einen sogenannten ETF, auf den US-Aktienindex S&P-500 kaufen – und kurz vor der Bekanntgabe des Zinsentscheids, in der Regel um 20.15 Uhr unserer Zeit, wieder verkaufen. Die restlichen 357 Tage bleiben Sie im Tagesgeld.

Irgendwie scheint die Strategie auf der medialen Aufmerksamkeit rund um die Fed-Entscheidung und der damit zusammenhängenden Unsicherheit im Markt zu beruhen. Im Artikel wird dann noch ausführlich erklärt, wie die Zusammenhänge genau sein sollen, und da klingt das dann auch schon gar nicht mehr so einfach und nachvollziehbar. Wie lächerlich die gepriesene, angebliche Gewinn-Strategie aber ist, macht ein einziger Blick auf eine dem Artikel beigefügte Grafik deutlich:

Die Behauptungen, der Markt würde mit dieser Strategie “deutlich geschlagen”, und das “seit 17 Jahren” sind nämlich nach den eigenen Berechnungen von Focus Money schlicht und ergreifend falsch. Die Grafik zeigt deutlich, dass die Fed-Strategie erst seit Ausbruch der Finanzkrise, also in den letzten 4 Jahren, deutlich besser performed als der Markt insgesamt. In den 13 Jahren davor war man mit der hochgelobten Strategie deutlich schlechter dran, als wenn man dauerhaft in einen ETF auf den S&P-500 investiert gewesen wäre. Ist halt doch nicht so einfach, den Markt zu schlagen.

Stellen sich zwei Fragen: Werden die Titelstories bei Focus Money eigentlich von irgendjemandem Korrektur gelesen? Oder geht man davon aus, dass die Leser solchen offensichtlichen Quatsch einfach für bare Münze nehmen?

 

Kurz vor Beginn der soeben zu Ende gegangenen Bundesligasaison hatte Christoph Biermann prognostiziert, welche Vereine die Saison im “Niemandsland” der Tabelle beenden würden. Seine Vorhersage damals:

7. Werder Bremen
8. VfB Stuttgart
9. Eintracht Frankfurt
10. Borussia Mönchengladbach
11. TSG Hoffenheim
12. FC Köln

Ich hatte damals jegliche Prognosen dieser Art als Quatsch abgetan und prognostiziert, dass Biermann mit keiner einzigen der Platzierungen richtig liegen würde. Tja, am Ende haben ihm dann doch tatsächlich der Hoffenheimer Reortenverein den Gefallen getan und sich auf dem von Biermann geratenen Platz 11 eingefunden. *indietischplattebeiss* Hoffentlich steigt dieses Milliardärsspielzeug nächste Saison endlich ab…

Davon abgesehen schnitten die meisten der Teams aber völlig anders ab als Biermann es prognostiziert hatte:

    – Bremen 6 Plätze schlechter als gedacht
    - Stuttgart spielte lange gegen den Abstieg und rettete sich erst in den letzten Spielen auf Platz 12, 4 Plätze schlechter als prognostiziert
    - Frankfurt ganze 8 Plätze schlechter und damit abgestiegen
    -Gladbach 6 Plätze schlechter und damit in der Relegation
    - Hoffenheim ist eh zu nichts zu gebrauchen
    - Köln kämpfte wie der VfB lange gegen den Abstieg, beendet die Saison aber tatsächlich besser als von Biermann gedacht.

Im Schnitt lag der renommierte Sportjournalist bei seiner Prognose somit um 4,3 Plätze daneben.

Kompliziertes Wort, wa? Es ist aber auch kompliziert, sich in die Denkstrukturen mancher Menschen zu versetzen, so auch die einiger meiner Nachbarn von gegenüber. Die wohnen in wunderbar lichtdurchfluteten Wohnungen, was an und für sich ne tolle Sache ist – allerdings braucht es dafür in Hamburg vollverglaste Wohnzimmer mit Südausrichtung. Und Süden bedeutet in diesem Fall, dass die vollverglasten Wohnzimmer auf die Barmbeker Straße gehen, eine der meistbefahrenen Durchgangsstraßen Hamburgs mit fast 40.000 Kfz am Tag.

So bekomme nicht nur ich mit, dass die Nachbarin im dritten Stock links an Sonntagen auch mal gern in Unterwäsche auf der Couch abhängt, oder dass die Nachbarn im zweiten Stock rechts sich keinen Tatort entgehen lassen. Jeden Tag könnten das potenziell zehntausende Passanten mitkriegen. Das hat die Leute aber nicht gehindert, 300.000 Euro und mehr für diese schicken lichtdurchfluteten Wohnungen zu bezahlen.

Doch eines Tages gab ein böser amerikanischer Großkonzern bekannt, Fotos von Straßenzügen allgemein zugänglich zu machen. Panik ergriff die Bewohner der Barmbeker Straße 40a/b angesichts dieses Eingriffs in ihre so sehr geschätzte, wohl gehütete Privatsphäre! Denn, oh Schreck, nun würde der Einblick in ihre Wohnzimmer nicht mehr auf ein paar zehntausend Hamburger beschränkt sein, plötzlich könnte jeder in ihr Heim spicken!

Also stürzten sich die Bewohner der Barmbeker Straße 40a/b unerschrocken in den Kampf um ihre Privatsphäre  und ließen ihre Hausfassade bei Google verpixeln. Jetzt können sie sich wieder beruhigt in die Abgeschiedenheit ihrer vollverglasten Wohnzimmer zurückziehen, im Vertrauen darauf, dass ihre Privatsphäre nur durch ein paar zehntausend Passanten am Tag kompromittiert wird.

Besagte Fassade sieht übrigens so aus (größere Variante auf Panoramio):

Just came across an impressive infographic about the size of the internet, which is estimated at 5 million Terabytes of data. This number comes from Google CEO Eric Schmidt and was apparently mentioned in an interview in 2005, so it’s totally outdated – but whether the internet is 5 million Terabytes or 500 million Terabytes is not the point. The point is that Google claims to have indexed 0.004 percent of all this!

Now we can safely say that if you can’t find something on Google, it will be pretty hard to find it at all – unless you already know where to look. Ergo,  99.996 percent of the internet are pretty much unknown.

Thanks to my dear colleague Vivian for sharing!




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