Wie die Finanzindustrie Schulen unterwandert

Samstag, Juli 28, 2012

Angesichts der Finanzkrise und von Sendungen wie Raus aus den Schulden, in denen die Überschuldung von Privathaushalten thematisier wurde, wird immer wieder auch über eine bessere Vorbereitung von Kindern und Jugendlichen auf den Umgang mit eigenem Geld diskutiert. Wie ich kürzlich durch einen Artikel in der Zeit erfuhr, gibt es seit ein paar Jahren einen Verein, der sich dieser Sache angenommen hat: Geldlehrer Deutschland. Der Verein rühmt sich auf seiner Webseite, mit 34 Schulen zu kooperieren und bereits fast 2000 Schüler ehrenamtlich in Geldfragen unterrichtet zu haben. Was alles wunderbar klingt, bis klar wird, dass diese “Geldlehrer” nichts anderes sind als Finanzberater, die eine dreitägige (!!) Schulung gemacht haben und dann auf die Schulkinder losgelassen werden!

Ein Zitat aus dem Zeit-Artikel macht das Elend deutlich:

Stefanie Scheuer, schwarzer Blazer, knallgrüner Lidschatten, ist gelernte Versicherungskauffrau und arbeitet als selbstständige Vermögensberaterin. Einmal in der Woche kommt sie in die Schule, um die 15- bis 16-Jährigen im Umgang mit Geld zu unterrichten. [...] In der Klasse wird es unruhig, der Unterricht ist fast zu Ende. »Miete zahlen oder Haus abbezahlen – was ist gescheiter?«, fragt Scheuer abschließend. Die meisten Schüler tendieren zum Haus. Ein Mädchen bleibt skeptisch: »Man muss allerdings nichts reparieren, wenn man zur Miete wohnt.« – »Aber dann zahlst du dein Leben lang Miete, und wenn du in Rente gehst, gehört dir nichts«, sagt Scheuer. Das Mädchen stimmt zögerlich zu.

Abgesehen davon, dass Unterricht an Schulen unsere Kinder eigentlich zu kritischem Denken erziehen sollte, und die “Geldlehrerin” hier offensichtlich das genaue Gegenteil anstrebt, stehen mir auch angesichts der falschen – und offensichtlich von Eigeninteresse getriebenen – Behauptung der Finanzberaterin die Haare zu berge! Ja, eine Immobilien kann natürlich ein wichtiger Bestandteil der Altervorsorge sein – wenn sie geerbt oder cash bezahlt wird. Sobald allerdings ein nennenswerter Anteil fremdfinanziert ist, nimmt die Rentabilität dramatisch ab und man steht schlechter da als wenn man Miete zahlt und das gesparte Geld auf andere Weise anlegt. Denn bei fremdfinanzierten Immobilien verdient vor allem einer: die kreditgebende Bank!

Wie kann es sein, dass Werbung und wirtschaftliche Aktivitäten an Schulen praktisch überall verboten sind, und zugleich Finanzberater sich mit einer dreitägigen Schulung den Mantel des wohlmeinenden Experten erkaufen können, um anschließend Kindern das eigenständige Denken auszutreiben und sie von den Produkten der Finanzindustrie zu überzeugen? Diese Welt macht mich Kotzen!

Hinterlasse eine Antwort




plugin by DynamicWP
#