Wieso immer diese Verschwörungstheorien?

Donnerstag, September 9, 2010

In meinem Job und als Moderator eines großen Politik-Forums laufen mir ständig Verschwörungstheorien über den Weg. Das Internet ist voll davon, es ist geradezu das ideale Biotop dafür, denn es ermöglicht ein einfaches Zusammentragen von “Fakten”. Das sieht dann oft so aus: wilde Listen mit kruden “Indizien”, alle Andersdenkenden lügen und aussenrum Werbebanner für magnetische Betten. So weit kann es kommen.

Verschwörungstheorien folgen in der Regeln den immergleichen Mustern: Internationale Grossbanken, die Geheimdienste, die Mafia, die katholische Kirche, die Vereinten Nationen oder irgend welche anderen komplexen und unzugänglichen Organisationen ziehen im Hintergrund die Fäden und tragen die Verantwortung für so ziemlich alles: Die Ermordung von Präsidenten und Päpsten, 9/11, die Finanzkrise und jetzt natürlich auch die Ölkrise im Golf von Mexiko. Denn irgendeine Assoziationskette lässt sich immer aufbauen und zur Not kann man auch den Schnupfen der Nachbarin der internationalen Verschwörung des Großkapitalismus in die Schuhe schieben, denn schließlich ist die Schweinegrippe in den Laboren der Pharmakonzerne entstanden und von der CIA verbreitet worden.

Aber woher kommt diese große Anziehungskraft?

Der Reiz der Verschwörungstheorien liegt darin, dass sie die Komplexität der Welt reduzieren und – lässt man sich auf ihre abstruse Logik ein – einfache Erklärungen für scheinbar unerklärliche Phänomene oder Ereignisse liefern. Denn indem die Finanzkrise bösen Kräften in die Schuhe geschoben wird,  entfällt die Auseinandersetzung mit den hochkomplizierten Zusammenhängen der Finanzwelt, und man erhält trotzdem eine Erklärung für die Frage nach dem “Warum”. Obendrein zeigen sich in diesen einfachen Erklärungen auch ganz schnell wiederkehrende Muster, welche die Idee der allumfassenden Verschwörung noch verstärken. Der Klassiker schlechthin ist das “Totschweigen in den Medien”, das bei fast allen Verschwörungstheorien auftritt. Einzige logische Erklärung des Verschwörungstheoretikers für das Desinteresse der etablierten Medien an seiner Verschwörung ist natürlich, dass sie Teil der Verschwörung sind.

Dabei kann man den Anhängern dieser Theorien eigentlich keinen Vorwurf machen: Unser Gehirn sucht vollautomatisch und unterbewusst ständig nach wiederkehrenden Mustern in unserer Umwelt und stellt ursächliche Bezüge her, wo keine sind. Menschen fühlen sich besser, wenn sie glauben, die Ursache für etwas zu kennen und versuchen permanent, diese Ursachen in Einklang mit ihrem Welt- und Selbstbild zu bringen (Sensemaking). Dabei werden Informationen sehr selektiv wahrgenommen und priorisiert, in Abhängigkeit von früheren Erkenntnissen und vor allem unter dem Aspekt der Plausibilität.

Der Boom der Verschwörungstheorien hängt meiner Meinung nach mit zwei parallelen Entwicklungen zusammen: Der schwindenden Bedeutung von Religion und Glaube auf der einen und der massiven Zunahme an verfügbaren Informationen über die Komplexität der Welt auf der anderen Seite. Früher wurden krisenhafte oder generell schwer erklärbare Phänomene oder Ereignisse hauptsächlich auf den “Willen Gottes” geschoben (insofern stellen auch Religionen eine Art Verschwörungstheorie dar). Gott ist aber für viele Menschen heute keine überzeugende Erklärung mehr, und sie machen sich auf die Suche nach anderen Erklärungsmustern. Auf der Suche nach Ursachen werden sie mit einer gigantischen Fülle verwirrender Informationen konfrontiert, die ein Gefühl des Kontrollverlusts und damit der Bedrohung hervorbringen. Aus dieser diffusen Bedrohungssituation heraus werden dann selektiv Zusammenhänge hergestellt, wo keine sind.

Psychologische Experimente haben gezeigt, dass sich die Tendenz zu Verschwörungstheorien schlagartig reduziert, wenn Menschen das Gefühl haben, eine Situation zu kontrollieren. Der beste Weg dazu ist, sie an ihre Stärken, positiven Eigenschaften und verankerten Werte zu erinnern. Ein bisschen mehr davon ürde uns allen gut tun, ob Verschwörungstheoretiker oder nicht.

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