Archive for Dezember 2010

Wenn ja, dann müsste der Fleece-Pulli, in dem ich gerade vor dem Rechner sitze, eine ordentliche Schicht mit sich tragen! Ich kann nicht genau sagen, wie alt dieser Pulli eigentlich ist. Die älteste Erinnerung, die mir im Zusammenhang mit dem Pulli einfällt, war ein Moment als ein neben mir sitzender Schulfreund eine Bemerkung darüber machte, dass ich in dem Ding ja unmöglich frieren könnte. Das dürfte in der elften Klasse gewesen sein, also etwa 1995. Damals war Helmut Kohl noch Kanzler, es gab noch die D-Mark und meine kleine Schwester – heute Lehrerin und glücklich verheiratete Mutter eines süßen Jungen – saß mit Zahnspange vor einem Röhrenfernseher und guckte sich Beverly Hills 90210 an.

Damit wäre der Pulli mindestens 15 Jahre alt, und er war mir in der ganzen Zeit ein treuer Begleiter auf vielen Wegen. Erstaunlicherweise ist die Zeit (fast) spurlos an ihm vorbeigegangen. OK, er ist ein bisschen ausgebeult und nicht gerade schick, aber muss man einen Pulli allein deshalb etwa aussortieren? Ich hab ihn einfach liebgewonnen und auch wenn er die meiste Zeit über der Lehne meines Sessels hängt, ich trage ihn doch immer wieder. Er fühlt sich einfach gut an! So, als würde ich mir mit ihm auch ein Stück meiner Jugend überstreifen :-)

Ich wohne seit knapp 5 Jahren in meiner Wohnung, in die ich direkt nach dem Studium einzog. Damals hab ich eine überschaubare Menge an Zeug mitgebracht, aber in 5 Jahren sammelt sich einiges an. Inzwischen musste ich mein Regal zweimal und meinen Kleiderschrank einmal vergrößern, und meine DVD-Sammlung wächst munter weiter. Zudem fällt es mir manchmal recht schwer, mich von Dingen zu trennen, auch wenn ich sie so gut wie nie benutze. Um die diversen Hürden beim Wegwerfen von Dingen zu überwinden, habe ich mir jetzt folgende Strategie überlegt:

  1. Ich setze mir einen festen, wiederkehrenden Termin fürs Ausmisten: Vor ein paar Monaten hab ich mir fest vorgenommen, ab sofort einmal im Jahr, nämlich jeweils um Weihnachten herum, eine große Ausmist-Aktion durchzuziehen. Bei einzelnen Gegenständen ist es nämlich viel zu einfach, sie mal eben in die Schublade zu schieben.
  2. Ich werde eine bestimmte Anzahl Dinge los, egal was: Als Ziel habe ich mir für das erste Jahr 20 Dinge gesetzt, um mal ein Gefühl  dafür zu kriegen, wie gut das funktioniert. 20 ist als Zahl groß genug, dass es ein ambitioniertes Ziel ist, das einen gewissen Ehrgeiz weckt, sie erscheint mir aber realistisch machbar.
  3. Ich werfe nicht einfach weg, sondern spende die Sachen: Damit trickse ich den “Das ist doch noch gut, das kann man noch mal gebrauchen”-Gedanken aus und verknüpfe die Ausmist-Aktion mit einer emotionalen Belohnung, indem ich Gutes tue.
  4. Ich committe mich öffentlich: Damit ich nicht mehr einfach zurück kann, habe ich in den letzten Monaten sowohl Familie als auch Freunden von der Ausmist-Aktion erzählt. Und jetzt schreibe ich hier im Blog davon. Das sollte als committment reichen.

Das ist der Plan.

Die Umsetzung sieht so aus: Ich hab 3 CDs, 2 DVDs, 5 Bücher, 1 Cordjacke, 1 Cordhose, 3 T-Shirts und 5 Hemden aussortiert, insgesamt also 20 Dinge. Das ging eigentlich ziemlich schnell und einfach, vielleicht sollte ich die Zahl für nächstes Jahr auf 25 erhöhen. Damit geht es morgen ab zu Oxfam. Was die nicht nehmen wollen, landet im Müll.

Etwas mehr Platz in Regal und Schrank und außerdem ein gutes Gefühl :-)

Kompliziertes Wort, wa? Es ist aber auch kompliziert, sich in die Denkstrukturen mancher Menschen zu versetzen, so auch die einiger meiner Nachbarn von gegenüber. Die wohnen in wunderbar lichtdurchfluteten Wohnungen, was an und für sich ne tolle Sache ist – allerdings braucht es dafür in Hamburg vollverglaste Wohnzimmer mit Südausrichtung. Und Süden bedeutet in diesem Fall, dass die vollverglasten Wohnzimmer auf die Barmbeker Straße gehen, eine der meistbefahrenen Durchgangsstraßen Hamburgs mit fast 40.000 Kfz am Tag.

So bekomme nicht nur ich mit, dass die Nachbarin im dritten Stock links an Sonntagen auch mal gern in Unterwäsche auf der Couch abhängt, oder dass die Nachbarn im zweiten Stock rechts sich keinen Tatort entgehen lassen. Jeden Tag könnten das potenziell zehntausende Passanten mitkriegen. Das hat die Leute aber nicht gehindert, 300.000 Euro und mehr für diese schicken lichtdurchfluteten Wohnungen zu bezahlen.

Doch eines Tages gab ein böser amerikanischer Großkonzern bekannt, Fotos von Straßenzügen allgemein zugänglich zu machen. Panik ergriff die Bewohner der Barmbeker Straße 40a/b angesichts dieses Eingriffs in ihre so sehr geschätzte, wohl gehütete Privatsphäre! Denn, oh Schreck, nun würde der Einblick in ihre Wohnzimmer nicht mehr auf ein paar zehntausend Hamburger beschränkt sein, plötzlich könnte jeder in ihr Heim spicken!

Also stürzten sich die Bewohner der Barmbeker Straße 40a/b unerschrocken in den Kampf um ihre Privatsphäre  und ließen ihre Hausfassade bei Google verpixeln. Jetzt können sie sich wieder beruhigt in die Abgeschiedenheit ihrer vollverglasten Wohnzimmer zurückziehen, im Vertrauen darauf, dass ihre Privatsphäre nur durch ein paar zehntausend Passanten am Tag kompromittiert wird.

Besagte Fassade sieht übrigens so aus (größere Variante auf Panoramio):




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